Mit allen 5 Sinnen wahrnehmen: Impressionen in der Natur sammeln

Die Welt steckt voller Geschichten, die wir meistens gar nicht entdecken. Wie wir die Welt um uns herum bewusster wahrnehmen können.

Kaum etwas kann so traumhaft sein, wie ein sonniger Tag im Herbst. Die Sonne sticht nicht mehr wie im Hochsommer, hat aber noch nicht ihre volle Strahlkraft verloren. So fühlt sich der Schein warm im Gesicht an, wenn er sanft durch die bunten Blättern oder schon kahlen Äste fällt.

Vor Kurzem habe ich einen nachmittäglichen Spaziergang gemacht. Nach nur ein paar Schritten in der Sonne habe ich gemerkt, dass ich die Wollmütze ganz umsonst aufgesetzt habe und die Winterschuhe hätte ich noch nicht gebraucht. Also bin ich mützenlos in den Park in der Nähe meiner Wohnung gestiefelt und bin auf den dortigen Hügel gestiegen. Dort oben ist leider immer die Hölle los, gerade bei schönem Wetter. Aber zu den Füßen der vielen Leute breitet sich München in alle Richtungen aus. Hier fühle ich mich wohl und kann meine Gedanken über die Stadtgrenzen hinaus bis an den Horizont schweifen lassen.

Manchmal denke ich dort auch gar nicht so viel, sondern schaue nur all den Leuten zu: die Jogger, die Nordic-Walkerinnen, die spazierenden Familien und Pärchen. Bei vielen kommt es mir so vor, als würden sie sich keine Zeit nehmen. Weder für den grandiosen Ausblick und noch für die Welt um sie herum.

Immer auf Achse: Zum bewussten Wahrnehmen bleibt uns kaum Zeit

Wir hetzen alle durch die Gegend, da bin ich gar keine Ausnahme. Was schimpfe ich ständig: dass die U-Bahn zu voll, der Radfahrer vor mir zu langsam ist und ich schon wieder mein Mittagessen daheim vergessen habe. Das geht mir auf die Nerven, aber es passiert jeden Tag aufs Neue. Von der Arbeit radle ich in die Kletterhalle, noch ab in den Supermarkt, kochen soll heute bitte schnell gehen – und dann ist der Tag schon rum.

Aber ab und zu muss ich einen Schritt zurücktreten, bevor mir alles zu viel wird. Vielleicht möchtest du das mal tun. Dafür kannst du raus aus der Stadt, aber du musst gar nicht. Ein bewusst wahrgenommener Moment nach Feierabend reicht völlig aus. Geh an einen Ort, den du schön findest, gerne mit Ausblick oder persönlichen Bezug. Und atme tief durch.

Echte Natur gibt es in der Stadt nicht? Benutz mal deine 5 Sinne!

Die Natur und ihre Ursprünglichkeit stecken überall. Im einem seit 1000 Jahren unberührten Wald, in den Bergen und in den Dünen an der See. Die wilde Natur hat eine ganz tiefe, besondere Schönheit, die ich liebe und bei Wanderungen, Radtouren und Langlaufrunden im Urlaub wahrnehmen kann. Denkst du, diese Form der Schönheit ist im Alltag der Stadt schwer zu finden? Ich meine nein. Wir müssen nur ein bisschen anders auf unsere Umgebung achten.

Die fünf Sinne kennen wir alle: Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken. Alle davon können wir dazu einsetzen, unsere Umwelt bewusster und langsamer wahrzunehmen.

Ein Mann sitzt an einem sonnigen Herbstmorgen auf einer Bank im Park.
Setz dich mal auf eine Bank und lass die Eindrücke auf dich einprasseln. © sanderstock / Adobe Stock

Nimm die Welt um dich herum mit deinen Augen wahr!

Klingt das erst mal witzlos? Bäume und Sträucher sehen wir doch alle jeden Tag. Für mich steckt hier noch sehr viel mehr: Ich versuche die wilde Natur aus meinem Urlaub im meinem städtischen Leben wiederzuentdecken.

Schon ein einzelnes Blatt Herbstlaub auf dem Fahrradweg kann hier ausreichen. Der erste Gedanke ist vielleicht: Hier rutscht mir, wenn es feucht ist, der Hinterreifen weg. Stattdessen versuche ich mir vorzustellen, was mit diesem Blatt im Laufe des Jahres alles geschehen ist. Was hat es erlebt?

Wenn du an deinem Lieblingsort stehst, sei es der Balkon deiner Wohnung oder eine Bank im Park, dann lass deinen Blick unvoreingenommen schweifen, bis dir ein Detail ins Auge sticht. Ein verlassenes Vogelnest könnte sich im Baum verstecken. Oder ein einsames Blümchen unter dem Gebüsch. Was entdeckst du hier für Geschichten?

Hör genau hin und achte auf all die Geräusche

Der Sehsinn dominiert die meiste Zeit über unsere Wahrnehmung. Um die anderen Sinne zu schärfen, hilft es darum, die Augen zu schließen. Neulich habe ich in einem ruhigen Moment auf einer Bank im Park genau das getan. Dann habe ich gelauscht. Es war gerade nicht viel los und die nächste Straße weit weg, so konnte mich nicht viel ablenken.

Tatsächlich habe ich, mitten in der Stadt, einen Specht klopfen gehört. Irgendwann hatte ich den Eindruck, das Geräusch sei ganz nah. Ich habe vorsichtig die Augen geöffnet – und direkt am Baum vor mir saß ein Buntspecht und hackte mit dem Schnabel auf die Rinde. Das war schon ein recht ungewöhnliches Erlebnis.

Gefallene Herbstblätter auf Pflastersteinen in der Herbstsonne.
Bunte Blätter lassen sich auf verschiedene Arten wahrnehmen: Hör mal ihrem Rascheln zu! © New Africa / Adobe Stock

Aber auch sonst lassen sich viele Geräusche der Natur in der Stadt wiederentdecken. Das Rauschen vom Wind in den Bäumen, das Plätschern des Wassers am Bach oder Fluss oder eine erstaunliche Vielzahl an Vogelgezwitscher. Es kann schwer sein, Autolärm und andere Stadtgeräusche auszublenden. Gerade dann solltest du genau hinhören, denn darunter liegt noch eine andere Ebene. Selbst wenn es nur der Winterwind ist, der um die Häuser pfeift.

Jetzt wird’s schwieriger: Finde die Gerüche der Natur wieder

Verschiedene Gerüche wahrzunehmen fällt mir ebenfalls leichter, wenn ich die Augen schließe. Der Klassiker unter den Düften in der Stadt ist für mich der Geruch von Asphalt noch einem Sommerregen. Gut, besonders ursprünglich ist der eigentlich nicht. Dennoch gehört er für mich genauso zum Sommer wie Eis-Essen und Sonnenbaden und zu den Empfindungen, die ich in den kommenden Monaten vermissen werde.

Die Gerüche der Natur scheinen im Sommer vielfältiger: Blüten, frisch gemähtes Gras und der Regen in der Luft. Jetzt im Herbst wird es vielleicht ein bisschen schwieriger, aber je nach Aufenthaltsort riecht es trotzdem nach verschiedenen Dingen. Ein Stadtwald in der feuchten Herbstluft kann zum Beispiel gut riechen. Zerreibe im Zweifelsfall mal ein Blatt zwischen deinen Fingern und rieche dann daran. Für mich riecht das angenehm erdig. Gerüche können uns zurückholen in besonders schöne Momente.

Setze den Tastsinn ein und erfühle deine Umgebung

Die Haut ist rein biologisch betrachtet unser größtes Sinnesorgan. Wenn du an deinem Lieblingsort sitzt, kannst du mit ihr sicherlich verschiedene Dinge wahrnehmen, vom Gesicht bis in die Zehenspitzen. Das kann der Boden sein, auf dem du gerade stehst. Fühlst du kleine Steinchen durch die Sohle deiner Schuhe? Oder sitzt du auf einer Bank? Dann erspüre die Oberfläche, die Unebenheiten des Holzes und den abblätternden Lack.

Einen Gegenstand in die Hand zu nehmen, kann helfen, die Natur zu ertasten. Ein kleiner Kieselstein, ein Blatt oder ein Ästchen: Nimm etwas in Griffweite in die Hand und ertaste alle Details. Schließe auch hier gerne deine Augen – welche Besonderheiten nimmst du wahr? Jede Oberfläche unterscheidet sich in ihrer Struktur von anderen. Ich finde zum Beispiel Baumrinde angenehm zu ertasten.

Ein Mann ertastet mit der linken Hand die Rinde eines Baums.
Baumrinde bietet eine tolle Möglichkeit, die Natur um uns herum zu erfühlen. © oneinchpunch / Adobe Stock

Meine liebsten Wahrnehmungen sind und bleiben aber: die Sonne auf der Haut und der Wind in meinem Gesicht. Auch diese Empfindungen kommen von der Haut und gehören deshalb für mich hier dazu – im Winter umso mehr. Da die UV-B-Strahlung der Sonne im Winter sehr viel schwächer ist als im restlichen Jahr, sollten wir die kurzen Tage zum Sonnetanken nutzen. So können wir ein bisschen Vitamin D produzieren.

Apricity [englisch veraltet]

Die Wärme der Sonne im Winter

Zu den 5 Sinnen gehört auch das Schmecken! Wie soll das gehen?

Wenn du dir einen kleinen Zweig geschnappt hast, würde ich nicht empfehlen, einfach hineinzubeißen. Diesen Sinn können wir subtiler nutzen: Versuch doch mal, tief durchatmen und einen Geschmack in der Luft zu entdecken. Die Luft kann im Wald erdig schmecken, auf einer Wiese nach dem Regen feucht und klamm. Wenn du darauf achtest, merkst du vielleicht, dass du Luft auf dem Land anders schmeckt als in der Stadt, im Wald anders als am See. Einmal die kühle Luft des Spätherbsts tief zu inhalieren, kann außerdem unheimlich erfrischend wirken.

Die Wahrnehmung mit allen Sinnen als Achtsamkeitsübung: Die 5-4-3-2-1-Methode

Die sogenannte 5-4-3-2-1-Methode ist eine typische Übung für Achtsamkeit im Alltag und beruht auf der Konzentration auf deine verschiedenen Sinne. Um ins Hier und Jetzt (zurück) zu kommen, versuchst du nacheinander auf deine verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten zu achten und Dinge aufzuzählen:

  • 5 Sachen, die du jetzt im Moment sehen kannst,
  • 4 Sachen, die du spüren,
  • 3 Sachen, die du hören,
  • 2 Sachen, die du riechen und
  • 1 Sache, die du schmecken kannst.

Wenn du konzentriert bei der Sache bleibst, ohne dass deine Gedanken abschweifen, bist du genau im Moment verankert. Tatsächlich empfiehlt man diese Übung nicht nur für mehr Achtsamkeit im Alltag. Das Potenzial der Methode, uns ins Hier und Jetzt zu holen, können sich auch Menschen zunutze machen, die zum Beispiel an Panikattacken leiden. So hat diese einfache Übung noch mehr Potenzial als nur Achtsamkeit zu fördern. So können sie akuten Angstzuständen entgegenwirken.

Mit 5 allen Sinnen profitieren: Wahrnehmungen und Momente abspeichern und mitnehmen

Empfindungen wie die wärmende Sonne eines Herbstabends oder Duft eines Nadelwalds versuche ich mir abzuspeichern. In Momenten, in denen ich den Frühling vermisse oder irgendwie alles doof ist, rufe ich mir gerne diese Eindrücke ins Gedächtnis und spüre sie erneut – das gibt mir Kraft.

Wenn das nicht funktioniert, kann schon ein simpler Spaziergang um den Block helfen, neue Eindrücke zu schaffen und schlechte Momente ein bisschen besser zu machen. Versuche, auf Details zu achten, die dir sonst nicht auffallen. Für neue Impressionen in der eigenen Stadt haben wir übrigens auch ein paar Tipps gesammelt.