Der Mond im Mai: Das Geheimnis des Wonnemonds

Im Wonnemonat wächst und blüht die Natur, als gäbe es kein Sterben. Und doch, einer stirbt. Der Mond im Mai. 14 Tage lang wird sein Licht immer schwächer und erlischt schließlich. Und verhilft uns bei seiner Wiederkehr als schmale Sichel zu der Erkenntnis, dass Unsterblichkeit nichts mit ewiger Jugend zu tun hat.

Dieses Gefühl von überströmendem Glück ist unbeschreiblich. Ich probier’s trotzdem: Wonne ist ein Vollbad in warmen Sonnenstrahlen. Ein Jungbrunnen, der die Schmetterlinge im Bauch zum Tanzen bringt wie bei der ersten Liebe. Ein buntes Blütenmeer, über dem in der lauen Luft zarte Blumendüfte wogen, bis in unsere Nasen hinein. Es ist ein Bienensummen, ein Liebesgezwitscher … und seit ein paar Tagen auch ein Kuhglockenbimmeln. Von Frühling bis Herbst grasen die Jungtiere des Nachbarn um unseren Hof herum. Ich liebe es, diesen ruhigen Tieren mit ihren sanften dunklen Augen zuzusehen. Sie tun nicht viel mehr als fressen, dösen und mit dem Schwanz lästige Fliegen verwedeln. All das würde reichen, um zu erklären, warum diese rund 30 Tage im Jahr als „Wonnemonat“ bezeichnet werden.

Mond im Mai: Die Bedeutung des Worts „Wonne“

Wunni ist nicht nur das althochdeutsche Wort für Freude, sondern auch für Weide. Deshalb ist der wunnimanot auch derjenige Mondzyklus im Jahr, in dem das Gras nach dem Winter wieder saftig genug nachgewachsen ist, um das Vieh auf die Weide zu treiben. Unseren Vorfahren waren ihre Rinder so heilig, dass sie in ihnen die mächtigsten Gottheiten wiederzuerkennen glaubten. In den Mythen der Urvölker wimmelt es von Kuhgottheiten, die die Welt gebären und sie mit ihrer Milch nähren. Die ägyptische Hathor mit ihren Kuhhörnern, die kuhäugige Hera … oder auch die germanische Urkuh Audhumbla, die den Urriesen Ymir mit ihrer Milch nährte, den ersten Menschen mit ihrer warmen Zunge aus dem Eis auftaute und deren Name „milchreines Glück“ bedeutet.  Und noch eine kuhäugige Göttin gibt es, deren Namen jeder kennt – allerdings nicht in diesem Zusammenhang.

Europa, die Mutter unseres Kontinents war ursprünglich eine kretische Mondgöttin, die auf ihrem Diener, dem Mondstier, nachts über den Himmel ritt.

Wenn Götter ein Wesen unsterblich machen wollten, dann bannten sie dessen Bild in den Sternenhimmel. Natürlich waren es eigentlich die Menschen, die solche Bilder am Nachthimmel suchten und fanden. Die Kuh mit ihren Hörnern fanden sie in der Mondsichel wieder. Oder die Mondsichel in den Kuhhörnern, denn beide Symbole standen früher gleichwertig für die Fruchtbarkeit. Der Mondphasen-Zyklus von 29,5 Tagen gleicht der Länge des weiblichen Menstruationszyklus. Selbst den Steinzeitmenschen war das wohl schon aufgefallen: Ihre Mondgottheiten regierten über die Fruchtbarkeit, ebenso wie sämtliche Fruchtbarkeitsfeste an den Vollmond gekoppelt waren – und natürlich an eine bestimmte Jahreszeit.

Das Sternbild des Stieres etwa entstand vor 2000 Jahren in dem Himmelsabschnitt, den die Sonne damals zwischen Ende April und Ende Mai durchlief. Es gilt seither als astrologisches Symbol für diese Zeitqualität im Jahreskreis.

Der Wonnemond: Der fünfte Monat nach der Wintersonnenwende

Doch während der himmlische Stier unsterblich ist, dreht sich das Rad der Zeit für uns Sterbliche weiter. Hin zu dem Abend, an dem der Mond im Mai am östlichen Horizont aufgeht. Sein fahles Licht verwandelt die eben noch so sonnenwarme, bunte Welt in ein farbloses, kaltes Schattenkabinett. Der Vollmond steht grundsätzlich im der Sonne entgegengesetzten Sternzeichen. Und das ist im Fall des Wonnemonds der Skorpion. Dieses Zeichen, das die Sonnen-Qualitäten des Spätherbstes repräsentiert, steht für die Vergänglichkeit in der Natur, für das Loslassen und das Sterben von allem, was dem Leben nicht mehr gewachsen ist.

Der Vollmond im Mai bleibt nicht lange. Nur gerade so lange, dass er uns ins Bewusstsein ruft: Die Ressourcen sind endlich, diejenigen der Natur ebenso wie unsere eigenen. Nach all dem Werden und dem Wachsen kommt das Sterben, das Reduzieren an die Reihe. Sonst ist der Kreislauf des Lebens kein Kreislauf mehr. Und wir geraten hinein in eine Spirale abwärts, die in die Erschöpfung führt.

Einen Anflug davon habe ich tatsächlich Anfang Mai zu spüren bekommen. Normalerweise werfe ich immer mal wieder einen Blick hinauf in den Himmel, zum Mond, der mir mittlerweile ein vertrauter Freund geworden ist. Doch diesmal verwehrt mir die hartnäckige Wolkendecke den Blick schon seit mehreren Tagen. Mama-Sein, Hausarbeit, Kräuter sammeln, Gemüsebeet beackern, arbeiten für unseren kleinen Verlag und das Mondrad, einen von meinem Mann und mir entwickelten immerwährenden Mondkalender, Betriebsamkeit meist bis tief in die Nacht hinein … Eigentlich ist gar nicht so viel anders als in den Wochen davor. Doch: die Kühe vor unserer Terrasse! An ihrer Ruhe sollte ich mir ein Beispiel nehmen, denn mein Mondrad zeigt nur noch eine hauchfeine, abnehmende Sichel. Bald ist Neumond.

Der Neumond im Mai: Zeit für Ruhe

Der Neumond erinnert mich daran, regelmäßig eine Zeit einzuplanen, in der ich mich zurücknehmen kann. Sonst werde ich griesgrämig und unausgeglichen. Seit ich den Mond regelmäßig beobachte, verändert er nach und nach auch meine Wahrnehmung von Zeit. Höher, schneller, weiter – das hat mich früher oft zum Stolpern gebracht. Meine neue Zeit läuft immer runder.

Alles Leben wächst, blüht, reift, vergeht und hinterlässt Samen für einen neuen Zyklus. Auch wir sind zyklische Wesen. Unsere Körper brauchen nach einer anstrengenden Phase ausreichend Zeit für die Regeneration; unsere Psyche braucht nach einer Zeit der Beschäftigung mit sich selbst auch wieder den Austausch mit der Außenwelt. Und umgekehrt. Der Mond, in dessen Rhythmus sich so vieles auf der Erde bewegt, ist dazu der beste Taktgeber. Jeden Monat stirbt er. Aber er wird auch jeden Monat neu geboren; der kleine Unterschied zwischen ewiger Jugend und Unsterblichkeit.

Mond im Mai: Der Vollmond zeigt sich durch die Äste eines Baums
Der Vollmond im Mai wirkt größer, wenn der Mond der Erde zugleich sehr nahe steht – wie im Mai 2021. © Dagmar Steigenberger

Der Mond im Mai: So beeinflusst er die Pflanzen

Im Großen kann der Mond uns den Zyklen der Natur und des Lebens wieder näher bringen. Im Kleinen kann er uns Aufschluss geben darüber, wann beispielsweise der beste Zeitpunkt zum Säen und Setzen der Pflanzen auf dem Balkon ist: nämlich zwei bis drei Tage vor Vollmond. Die beste Pflanzzeit Im Mai steht der Mond um diese beste Pflanzzeit dann im Zeichen Waage bzw. Skorpion.

Tipps, um den Mond im Mai zu beobachten

Am 26. Mai 2021 steht der Vollmond der Erde besonders nahe. Die Distanz beträgt dann 357.311 Kilometer. Im Durchschnitt ist der Mond 384.400 Kilometer von der Erde entfernt. Doch da seine Bahn um die Erde elliptisch ist, steht er binnen 27,55 Tagen einmal im Perigäum, das bedeutet besonders nahe, und einmal im Apogäum, das heißt besonders weit entfernt. Wenn Vollmond und Perigäum auf dasselbe Datum fallen, sieht der Mond riesengroß aus und man spricht von einem „Supermond“. Sein Licht wirkt dann um etwa 30 Prozent heller, seine Scheibe um 7 Prozent größer als ein durchschnittlicher Vollmond.

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