Fassadenbegrünung in der Stadt: Jetzt gehen die Pflanzen steil!

Da ist ja zum Wände raufgehen! Welche Arten von Fassadenbegrünung in der Stadt funktionieren und wie wir alle davon profitieren, erfährst du hier.

Der Blick auf dem Fenster ist verheißungsvoll, blauer Himmel bis an den Horizont, strahlende Sonne, keine Wolke in Sicht – perfekt für eine kurze Runde zum See. Also hieve ich mein steinaltes Fahrrad die Kellertreppe hinauf, öffne die Haustür und laufe gegen eine Wand. Aus Hitze. Die Luft steht in der Straßenschlucht und flirrt über dem Asphalt. Links und rechts ist kein Mensch zu sehen, die Metallbänke auf dem Platz vorne verwaist. Die Sonne sticht schon nach wenigen Metern, mein Kleid trieft bereits. Zwischen Glasfassaden und Betonklötzen weht kein Lüftchen, die Leute verstecken sich wohl. Endlich: Der Park. Hier sind auch die Leute, und zwar alle – da dreh ich lieber wieder um. Geht’s nicht auch woanders kühler?

Unsere Städte: brütend-heiß, überfüllt und überteuert

Weniger luftig-warme Sonnenstunden und gemäßigte Niederschläge, dafür mehr erdrückend heiße Sommertage, tropische Nächte und heftige Starkregenfälle: Einige Auswirkungen der Klimakatastrophe können wir jetzt schon spüren. Dicht bebaute Städte erhitzen sich zwischen Asphalt und Beton viel stärker als Dörfer, in denen es zu jedem Haus einen großen Garten gibt. Nachts geben die Straßen, Plätze und Hauswände die Hitze wieder ab. So gibt es kaum mehr einen kühlen Moment.

Grünflächen wie Parks oder als Alleen gestaltete Straßen sorgen auch in Ballungsräumen für Abkühlung – gleichzeitig brauchen wir aber unbedingt mehr Wohnraum. Jahr für Jahr ziehen mehr Menschen in die großen Städte, die ohnehin knappen Wohnungen werden teurer. Was bleibt anderes übrig, als Brachflächen zu bebauen und so noch mehr Fläche zu versiegeln?

Warum wir Fassaden begrünen sollten: Vorteile der Fassadenbegrünung

Natürlich dürfen wir auf keinen Fall alle Schrebergärten, Parks und Plätze vollbauen. Die brauchen wir zum Spielen, zum Ausruhen und zum Urbanen Gärtnern. Dann müssen wir Grünflächen in der Stadt eben neu denken – und zwar senkrecht statt waagrecht.

An den Fassaden von Einkaufszentren, Parkhäusern und Wohngebäuden gibt es etliche Quadratmeter ungenutzte Fläche, deren Potenzial mittlerweile erkannt wurde. Viele Neubauten werden mit Fassadenbegrünung geplant – an positiven Auswirkungen mangelt es kaum. Also immer her mit dem kraxelnden Grünzeug!

Buchhecken als Fassadenbegrünung in Düsseldorf
An der Fassade können sogar ganze Hecken wachsen! © IMAGO / Cord

Positive Effekte der Fassadenbegrünung für das Gebäude

Eine grüne oder gar bunt bepflanzte Fassade gibt jedem Haus eine ganz neue Ästhetik, egal ob Neu- oder Altbau. Die Begrünung hat aber noch viel mehr Vorteile: Sie schützt die Bausubstanz vor extremen Wettereinflüssen wie Hagel, Starkregen und UV-Strahlung. Die Blätter halten Schmierfinken mit Sprühfarben von den Wänden fern und schützen vor dem Befall durch Moos, Algen oder Mikroorganismen. Pflanzen, die direkt unten an der Hausfassade wurzeln, entziehen dem Boden außerdem Wasser und helfen so, die Mauern trockenzuhalten. Großflächige Grünflachen wirken sogar wie eine natürliche Wärmedämmung, durch die wir Sommer weniger lüften und im Winter weniger heizen müssen – so schonen wir durch die Fassadenbegrünung in der Stadt sogar das Portemonnaie.

Positive Auswirkungen für das Stadtklima und die Menschen

Nicht nur unsere Wohnhäuser, sondern auch wir Städterinnen und Städter selbst profitieren maßgeblich von bepflanzten Hauswänden. Die Pflanzen binden Schadstoffe wie Feinstaub, für den der Autoverkehr sorgt. Durch Fotosynthese verwandeln sie Kohlenstoffdioxid in den für uns wichtigen Sauerstoff und verbessern so wesentlich die Luftqualität. Nur durch ihre Anwesenheit senken sie die Durchschnittstemperatur in engen Straßen und auf gepflasterten Plätzen. So sinkt auch das Risiko für die Ausbildung lokaler Wärmeinseln. Das Mikroklima rund ums Haus kühlt sich aufgrund der erhöhten Luftfeuchtigkeit ab.

Die beschattete Hauswand bleibt kühler, weil die Blätter der Fassadenbegrünung das Sonnenlicht reflektieren bzw. für ihre „Ernährung“ aufnehmen. Sie schlucken zudem Schall und schonen unsere Ohren vor dem Großstadtlärm. Das Geräusch vom Wind, der sanft durch die Blätter rauscht, wirkt im Gegenzug sogar naturnah und beruhigend.

Positive Auswirkungen für Tiere und Natur

Schließlich schaffen wir durch grüne Fassaden Lebensraum für Insekten und Vögel. An blühenden Pflanzen finden Bienen, Schmetterlinge und andere Gäste Pollen und Nektar für ihre Ernährung. Verschiedene Insekten verstecken sich in den Zweigen und locken so auch ihre Fressfeinde an. Manch eine Vogelart findet dort ihr Futter und sogar einen Platz zum Nisten. Selbst wenn die Fassadenbegrünung nicht gleich als Kinderstube genutzt wird, bildet sie doch eine Brücke zwischen verschiedenen Grünflächen der Stadt, die Verpflegung und einen Platz zum Ausruhen bietet.

Der ökologische Mehrwert zahlt sich aus: Durch die Fassadenbegrünung unterstützen wir die Artenvielfalt, ohne zusätzliche Fläche zu verbrauchen. Gleichzeitig tragen wir noch zur Verbesserung unserer eigenen Lebensqualität bei! Worauf warten wir noch?

Gut verwurzelt: bodengebundene Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen

Über und über mit Efeu berankte Altbauten kommen dir vielleicht als Erstes in den Sinn, wenn du an Fassadenbegrünung denkst. Je nach Fassade bietet sich unterschiedlichen Möglichkeiten zur Begrünung an. Bei einer bodengebundenen Fassadenbegrünung wachsen die Pflanzen in der Erde direkt am Mauersockel und klettern die Hauswand empor.

Hoch hinaus ohne Halt: Selbstklimmende Kletterpflanzen

Manche Kletterpflanze kommt ganz ohne Seilsystem oder Rankgitter aus und wächst von selbst mittels Haftscheiben oder Kletterwurzeln. Bis diese Fassadenbegrünung große Flächen bedeckt, vergehen einige Jahre. Wie die Pflanzen die Fassade erklimmen, bleibt ihnen selbst überlassen – einen eigenen Gestaltungsspielraum hast du in diesem Falle nicht.

Welche Kletterpflanzen keine Rankhilfe brauchen

Efeu (Hedera helix) wächst mithilfe von Haftwurzeln an der Wand hinauf. Er ist immergrün, heimisch und winterhart, bietet als Spätblüher Nahrung für Insekten und mit seinem dichten Blattwerk ein Zuhause für Vögel und sogar Eichhörnchen. Allerdings darf Efeu nur an intakten Hausfassaden gepflanzt werden, weil die lichtfliehenden Wurzeln gerne in Risse kriechen und durch Dickenwachstum Schäden an der Fassade anrichten können.

Wilder Wein (Parthenocissus quinquefolia) bildet kleine Haftscheiben aus und erklimmt so die Wand. Der Wilde Wein ist noch unkomplizierter als Efeu, seine Blüten sind eine Bienenweide und spätestens im Herbst, wenn die ganze Fassade tiefrot leuchtet, stiehlt er alle anderen Kletterpflanzen die Schau.

Fassadenbegrünung in der Stadt: Wilder Wein färbt sich im Herbst rot.
Wer es bunt mag, wählt Wilden Wein zur Fassadenbegrünung. © IMAGO / snapshot

Gerüstbauer gefragt: Fassadenbegrünung mit Rankhilfe

Viele Kletterpflanzen brauchen Unterstützung, um unsere Fassaden zu bewachsen und unsere Städte zu kühlen. Dafür eignen sich je nach Pflanzensorte Seilsysteme oder Gitter aus Metall oder Holz. Welches System zu welcher Fassade und welche Pflanze passt, erfährst du am besten von Fachleuten.

Geißblatt (Lonicera periclymenum), auch Jelängerjelieber genannt, blüht den Sommer über und duftet vor allem in den Abendstunden stark. Er eignet sich für halbschattige Fassaden.

Chinesischer Blauregen (Wisteria sinensis) blüht im Frühling und Frühsommer spektakulär. Als Fassadenbegrünung muss man ihn aber gut unter Kontrolle halten, da seine stark schlingenden Wurzeln auch mal ein Fallrohr erwürgen können.

Fassadenbegrünung in der Stadt: Chinesischer Blauregen bildet große Blütentrauben
Blauregen blüht beeindruckend, ist aber nicht in Europa heimisch. © Lea Spahn

Weitere Pflanzen, die mit Rankhilfe wachsen

Diese Pflanzen eignen sich ebenfalls für grüne Hauswände. Weiter gefasst könnte man auch Spalierobst zur Fassadenbegrünung zählen.

  • Kletterhortensien (Hydrangea petiolaris)
  • Ramblerrosen / Kletterrosen (Rosa sepc.)
  • Waldrebe (Clematis vitabalba) und andere Clematis-Sorten
  • Wildreben (Vitis vinifera var. silvestris)
  • Pfeifenwinde (Aristolochia tomentosa)

Vertikaler Garten: wandgebundene Fassadenbegrünung mit System

An vielen Stellen ist eine nachträgliche bodengebundene Begrünung gar nicht möglich, weil die Fassade nicht stabil genug ist oder der Boden vor dem Haus versiegelt. Dafür gibt es moderne Systeme zur Fassadenbegrünung: vertikale Gärten oder auch „living walls“. Hierbei wird eine Art Beet mit verschiedenen geeigneten Pflanzen bestückt und senkrecht an der Wand aufgehängt. In der Rückwand dieser Kästen gibt es ein automatisches Bewässerungssystem, das die Pflanzen, wenn nötig, auch mit Dünger versorgt.

So eine wandgebundene Fassadenbegrünung ist immer möglich, sogar an stark befahrenen Straßen, wo der Boden sonst vollständig versiegelt ist. Hier kann ausgefallen designt und mit den unterschiedlichsten Pflanzen, z.B. Farnen, Mispeln, Immergrün oder Johanniskraut, gearbeitet werden. Die Pflanzen müssen allerdings zur Klimazone passen und brauchen, weil sie keinen Kontakt zum Boden haben, zusätzlichen Frostschutz. Außerdem müssen regelmäßig Fachleute das Bewässerungssystem warten.

Fassadenbegrünung in der Stadt: living walls in Straßburg
So wächst ein ganzer Garten an der Hauswand! © hcast / stock.adobe.com

Fassadenbegrünung selber machen? Die Städte bieten Förderung!

Fassadenbegrünung, besonders die wandgebundene, lässt man am besten von einer Fachfirma planen und ausführen. Verschiedene Städte in Deutschland und Österreich bieten dafür finanzielle Förderung an. Schließlich wollen wir alle, dass unsere Städte künftigen Hitzeanforderungen besser gewachsen sind!

Nur mit einer kleinen Mietswohnung kannst du leider nicht viel ausrichten. Auch auf dem Balkon gehört die Fassade normalerweise nicht zum Mietobjekt dazu. Wenn du dort eine Kletterpflanze anbringen willst, solltest du das mit deinem Vermieter absprechen und darauf achten, dass keine Triebe auf die Balkone der Nachbarn übergreifen. Trotzdem kannst du das Thema Fassadenbegrünung bei deiner Hausverwaltung ansprechen – vielleicht finden sie deine Ideen spannend! Sonst kannst du versuchen, deinen Balkon möglichst bienenfreundlich zu gestalten: