Urban Gardening: Gärtnern in der Stadt

In der Stadt gibt’s keinen Platz für Gärten? Quatsch! Urban Gardening-Projekte beweisen euch mit kreativsten Lösungen das Gegenteil.

Einen eigenen großen Garten haben nur die wenigsten, die in der Stadt leben. Trotzdem gibt es viele Möglichkeiten, sich auch auf kleinsten Raum dem Gärtnern zu widmen. Egal ob jemand seine eigene Wohnung mit Zimmerpflanzen oder den Balkon mit einem Hochbeet begrünt, auf Grünstreifen wilde Blumen heranzieht oder doch lieber zur Selbstversorgung einen Gemüseacker in der Nachbarschaft bewirtschaftet: Die Liste an möglichen Garten-Ideen ist lang. Hier findet ihr eine kleine Einführung in das urbane Gärtnern.

Urban Gardening: Was ist das eigentlich? 

Unter dem Begriff „Urban Gardening“ werden heute alle Aktivitäten rund ums Gärtnern in Städten zusammengefasst. Wer in der Stadt ein urbanes Garten-Projekt starteten möchte, dem stehen meist keine riesigen Flächen zur Verfügung. Doch wer will, der findet schon eine passende: Soll es ein Schrebergarten sein? Oder doch lieber ein Gemeinschaftsgarten? Vielleicht ist das Ziel auch einfach den eigenen Balkon zu begrünen? Egal ob private oder gemeinschaftliche Projekte: Gemeinsam ist den urbanen Gärtnern, dass sie die Natur in die Stadt holen. Bereits mit ein paar Blumenkästen oder einigen alten Kisten kann ein Urban Gardening-Projekt gestartet werden – denn viele Aktionen zeichnen sich durch flexible und kostengünstige Ideen aus. Viele städtische Garten-Projekte sind nämlich leider als Zwischenlösung von Anwohnern geplant. Mehr langfristige Gartenflächen sind aber das Ziel.

Urbane Gärten sind unser Lebensraum, hier begegnet sich Vielfalt, hier wachsen Perspektiven, denn hier entsteht eine auf Nachhaltigkeit gegründete Gesellschaft. Wir wollen, dass diese Gärten dauerhaft Wurzeln schlagen. Die Stadt ist unser Garten.

aus dem Urban Gardening Manifest

New York – der Geburtsort von Urban Gardening

Bereits in den Siebzigerjahren wurde in New York in Gemeinschaftsgärten in der Erde gebuddelt. Damals wurden einfach Brachflächen von Bürgen besetzt und Gärten angelegt. Heute stellt die Stadt New York über 600 Flächen für Gemeinschaftsgärten zur Verfügung. Diese Urban Gardening-Projekte sind kleine Oasen in der Großstadt, um sich zu erholen – aber auch, damit Anwohner hier eigenes Gemüse und Obst anbauen können.

In Deutschland wurde 1998 der Verein „Internationale Gärten“ in Göttingen gegründet. In den Gärten des Vereins steht Integration und interkulturelles Lernen im Vordergrund: Einheimische und Geflüchtete gärtnern hier gemeinsam. Nach dem Vorbild des Vereins sind in ganz Deutschland zahlreiche ähnliche Projekte gestartet. So koordiniert die Stiftung anstiftung aus München bereits über 600 interkulturelle Garten-Projekte in der gesamten Republik.

Urban Gardening wurde immer wieder belächelt und für einen kurzfristigen Trend gehalten. Doch das urbane Gärtnern ist gekommen, um zu bleiben. Menschen in der Stadt haben ebenfalls den Wunsch nach Naturerfahrungen und leben diesen auf verschiedenste Art und Weise aus.

Urban Gardening in München: Gemeinschaftsgarten auf dem Dach von Wagnis 4
Ein Gemeinschaftsprojekt: Der Dachgarten von Wagnis 4 in München mit Blick auf den Olympiapark. © Stephanie Drewing

Die Vorteile für die Gemeinschaft durch Urban Gardening

Durch das Gärtnern in der Stadt gibt es viele positive Effekte für die Menschen. Wer bereits zwei Stunden pro Woche in der Natur unterwegs ist, der wird mit einem gesteigerten Wohlbefinden und einer besseren Gesundheit belohnt, haben verschiedene Studien belegt.

Darüber hinaus wird immer wieder erwähnt, dass durch Stadtgärtnern auch das Bewusstsein für die Umwelt und den Wohnort gestärkt wird, das gesellschaftliche Engagement wird genauso gefördert wie des sozialen Miteinanders und Abbau kultureller Vorbehalte. Darüber hinaus lernt jeder, der sich an Urban Gardening-Projekten beteiligt, viel rund um das Thema Garten, Selbstversorgung sowie Vorratshaltung.

Heute zeigt sich, dass Gemeinschaftsgärten in kaum noch einer stadtpolitischen Debatte unerwähnt bleiben. Sie stehen in den Auseinandersetzungen um ein „Recht auf Stadt für alle“ für den Erhalt von Grünräumen und öffentlichen Freiflächen.

Stiftung anstiftung

Wie politisch ist es in der Stadt zu gärtnern?

Eine grüne Stadt ist lebenswert und sollte das gemeinsame Ziel von allen sein, die urban leben. Dazu gehören auch Grünflächen wie Parks und Gärten, aber natürlich auch alle kleineren grünen Projekte. So werden begrünte Dächer und Fassaden bei Neubauprojekten mittlerweile bereits von Anfang in die Planungen mit einbezogen. Städte heizen sich im Sommer stark auf, aber je grüner die Stadt ist, umso mehr hält die natürliche „Klimaanlage“ dagegen.

Grünflächen gelten als bevorzugter Aufenthaltsort in der Stadt

Vor allem in der Stadt sind Orte mit mehr Pflanzen und Bäumen der bevorzugte Aufenthaltsort. Machen wir doch einmal ein kleines Gedankenspiel: Wo würdet ihr im Sommer in der Stadt am bevorzugt eure Mittagspause verbringen?

  1. Auf einer Bank, mitten auf einem betonierten Platz ohne Sonnenschutz.
  2. Auf einer Bank, am Rand von einem Platz mit Gras und unter einem Baum.

Die Antwort fällt bei den meisten Menschen ähnlich aus: Sie suchen die Natur, oft auch unterbewusst. Weiterhin helfen Grünflächen und Städten beim Natur- und Artenschutz. Selbst die kleinsten Insekten sind dankbar für ein paar Blumen und Gräser in der Nachbarschaft.

Natürlich wird ein kleines, lokales Urban Gardening-Projekt nicht das Stadtklima verändern, aber je mehr kleine Projekte es gibt, umso größer wird auch die gemeinsame Wirkung dieser.

Urban Gardening oder doch eher Guerilla Gardening: Wie ist die Rechtslage?

Wer einfach so mit dem Gärtnern auf einer öffentlichen Fläche beginnt, tut im Grunde sogar etwas Unerlaubtes. Selbst einfach Wildblumen-Saat auf einem Stück Erde neben dem Gehweg aussäen, darf man nicht einfach so. Wer das vor hat, der braucht eine Genehmigung des zuständigen Grünflächenamts. Wer trotzdem ohne Erlaubnis etwas anpflanzt und dabei erwischt wird, der begeht eine Sachbeschädigung. Wendet euch vor geplanten Aktionen an das Grünflächen-Amt in eurer Stadt oder Gemeinde. Oft haben Sie nichts einzuwenden und unterstützen sogar mit Saatgut. Es kann nämlich z. B. sein, dass nur Pflanzen einer bestimmten Wuchshöhe gesät werden dürfen, weil sonst Sichtbeziehungen im Straßenverkehr nicht mehr möglich sind.

Das Säen, Ernten, Kochen und Weiterverarbeiten für den Winter ermöglichen einen Reality Check für die Bedingungen, unter denen in den westlichen Gesellschaften Konsum stattfindet.

Dr. Christa Müller, Vorstand anstiftung

Urban Gardening: So startet ihr

Ihr wollt jetzt auch damit beginnen, in der Stadt zu gärtnern? Der erste Schritt ist zu klären, wie viel Zeit ihr investieren möchtet und wie eure persönlichen Voraussetzungen sind.

Wer nur wenig Zeit mitbringt, für den sind Patenschaften für Grünflächen sinnvoll oder sich einem bestehenden Garten-Projekt anzuschließen. So organisieren viele Naturschutzorganisationen und Vereine kleine Projekte, bei denen gemeinsam Blühstreifen, mobile Pflanzkübel oder Hochbeete angelegt werden. Die Pflege dieser Flächen wird gemeinsam organisiert.

Mehr Zeit wird schon nötig, wenn ihr einen Balkon begrünen wollt. Je nach Größe und Lage des Balkons und der Pflanzgefäße kann dies schon recht aufwendig werden. Vor allem, weil die Pflanzen kontinuierliche Pflege durch euch benötigen. Auch bei Gemeinschaftsgärten ist der Zeitaufwand nicht zu unterschätzen – zwar arbeitet ihr zusammen mit anderen in diesem Garten, aber jeder wird hier gefordert. Die Ernte wird am Ende durch alle Beteiligten geteilt.

Urban Garden in München von Green City e.V.
In München gibt es viele Urban Gardening Projekte des Vereins Green City e.V. © IMAGO / ecomedia/robert fishman

Die Königsdisziplin: Gemüsefelder oder einen Schrebergarten pachten

Den größten Aufwand machen gepachtete Gemüsefelder oder Schrebergärten. Nachdem in den letzten Jahren die Nachfrage nach einer Parzelle im Kleingarten in den Städten immer größer wurde, haben viele Vereine mittlerweile sogar einen Aufnahmestopp. Bereits vor der Corona-Pandemie war die Wartezeit in Großstädten zwischen fünf bis sieben Jahren. Damit ist klar: Die meisten Bewohner in der Stadt kommen nicht zeitnah in den Genuss eines Kleingartens. Die Lücke füllen hier aber Gemüse-Felder, die oft nah am Stadtgebiet gemietet werden können. In den vergangenen Jahren sind viele Anbieter auf den Markt dazu gekommen, wie z. B. Meine Ernte, Ackerhelden oder regionale städtische Projekte wie die Münchener Krautgärten.

Diese Gemüse-Felder sind im Gegensatz zum Kleingarten reine Anbauflächen und bieten oft keine Gelegenheit, um sich länger dort aufzuhalten und zu entspannen. Jeder ist für seine Fläche selbst verantwortlich. Ihr müsst damit rechnen, zur Garten-Saison mehrere Stunden in der Woche dort zu arbeiten. Die reiche Ernte in den Sommermonaten belohnt diesen Aufwand aber recht üppig.

Ihr seht, Urban Gardening ist für alle da und lebt von der Kreativität derer, die Lust auf grünere Städte haben und ein bisschen Selbstversorgung schnuppern wollen. Probiert es doch einmal selbst aus – vielleicht findet ihr in eurem Gartenprojekt die gesuchte Entschleunigung des Alltags.